Förderverein für Psychomotorische Ganzheitstherapie e. V. (PSYGA)
Förderverein für Psychomotorische Ganzheitstherapie e. V. (PSYGA)

Dynamische Orthesen bei Kindern

Spitzfußbildung und oder spastischer Supination der Füße

Während der letzten 25 Jahre entwickelte Nancy Hylton, eine Physiotherapeutin am Kinder-Therapiezentrum Kent/Washington/USA, die sogenannten dynamischen Orthesen. Diese dynamischen Orthesen sind ein neues Konzept, das sich zur Orthesenversorgung aus inhibitorischen (hemmenden) Gipsen entwickelt hat. Z.B. knöchelübergreifende Orthesen werden aus einem dünnen flexiblen Polypropylen hergestellt. Sie können dabei mit einem Plantarflexions- oder Dorsalflexionsanschlag hergestellt werden, meistens jedoch erlauben sie eine Bewegung in beide Richtungen.

 

Dynamische Orthesen sorgen für eine merkliche Zunahme an aktiver Tonuskontrolle, oberer und unterer Sprunggelenks- und Vorfußstabilisation und unterstützen die Entwicklung aktiver Balancemechanismen. Das Fußbett wird individuell an den Kinderfuß angepasst. Die Herstellung erfolgt über mehrere Zwischenschritte. 3-4 mm tief ausgefräste Bereiche für die Zehengrundgelenke und der Ferse sorgen für die Stabilität dieser entscheidenden Vor- und Rückfußgebiete. Eine aktive Unterstützung des Längs- und Quersystems sowie unter den Zehen, führt sowohl zu einer Hemmung des Tonus’ als auch zu einer Stabilität des Fußes in biomechanischer Nullstellung und führt zu einer maximalen Aktivierung der normalen Haltungskontrolle. Darüber hinaus sorgen sie für ein korrigiertes propriozeptives Feedback. Sogar schwerstbehinderte Kinder erreichen eine verbesserte Symmetrie und Kontrolle im unterstützten Sitzen und Stehen. Beim Gebrauch der dynamischen Orthesen bei Kindern, die mehr Bewegungsmöglichkeiten haben, verbessert sich die Qualität und die Variabilität der Bewegungen. Bei Kindern, die gehen können, führen die Orthesen zu bemerkenswerter Verbesserung der Balance beim aktiven Stehen und Gehen, der Hüft-, Knie- und Rumpfkontrolle sowie der Beindifferenzierung und führen zu einem flüssigeren Gangbild.

 

Grob unterteilt gibt es zwei unterschiedliche Ausführungsmöglichkeiten dieser Orthesen:

 

  1. DAFO  =  Dynamic Ancle Foot Ortheses  =  dynamische knöchelübergreifende Orthesen.
  2. DFO = Dynamic Foot Ortheses = dynamische Fußorthesen  (nicht knöchelübergreifend), wobei diese Fußorthese am häufigsten als „Einlage“, aber auch mit Ausdehnung um die Ferse herum hergestellt werden kann.

 

Hypertone Spitzfußhaltung mit zusätzlicher Supinationsstellung, insbesondere beim Stehen und Gehen so ausgeprägt, dass dies nur unter großen Schmerzen möglich ist. Die „Beinlängendifferenz“ ist keine echte, sondern fototechnisch bedingt.

 

 

Dynamische knöchelübergreifenden Orthesen mit Absatzerhöhung

 

Sowohl „Einlagen“ als auch knöchelübergreifende Orthesen können üblicherweise in Halbschuhen (Sohle herausnehmen) getragen werden. Ich schreibe bewusst „Einlagen“, um Missverständnisse zu vermeiden, auch wenn in der Fachsprache diese „Einlagen“ Fußorthesen genannt werden, da sie aufwendiger in der Herstellung sind als die üblichen Einlagen.

 

Kinder mit deutlichen Bewegungsstörungen der unteren Extremität zeigen sehr oft Schwierigkeiten, den Fuß gerade aufzusetzen und insbesondere die Ferse auf den Boden zu bringen. letzteres ist eine sogenannte Spitzfußneigung, bedingt durch die allgemeine Verkürzungstendenz der Muskulatur aufgrund der Hypertonie. Nicht zwangsläufig, aber doch sehr oft, kommt eine Verdrehung des Fußes im Sinne einer Abknickung (Supination bzw. Pronation) hinzu, was das Stehen und Gehen noch stärker beeinträchtigt als alleine die Spitzfußneigung. Denn durch die Verdrehung schmerzt der Auflagepunkt sehr schnell. Dies ist z.B. bei der Supination die gesamte Fußaußenkante mit Schwerpunkt am Übergang vom Mittelfuß zu dem 5. Zeh. Hier können DAFO das Knöchelgelenk stabilisieren, gerade halten und insgesamt dazu führen, dass der ganze Fuß auftritt, was das Gehen – geführt oder frei – ungemein erleichtert.

 

Nancy Hylton Orthesen wirken wie bereits beschrieben zum einen stabilisierend, aber auch zum anderen fördernd in Bezug auf die taktil-kinästhetische Wahrnehmung, auf die Propriozeption. Dies bedeutet, dass die Patienten sich und ihren Körper anders wahrnehmen und aus dieser veränderten Wahrnehmung auch lernen können. D.h. manche der verbesserten Bewegungen bleiben auch verbessert, wenn man nach gewisser Zeit die Orthesen nicht mehr trägt. Z.B. habe ich dies bei einem Patienten erlebt, der ohne Nancy Hylton Orthesen (DFO) immer zuerst mit dem Fuß gegen die Bordsteinkante gestoßen ist und erst dann den Fuß korrekt auf den Bordstein aufgesetzt hat. Mit den Nancy Hylton Einlagen hat er sofort den Fuß korrekt angehoben. Nach 1 Jahr konnte man dieses richtige Setzen des Fußes auch dann bei ihm beobachten, wenn er die Einlagen gerade nicht getragen hat.

 

Kinder halten sich entweder spontan gerade oder nicht. Ermahnungen halten selten lange vor. Um sich gerade zu halten, müssen sie sich spüren. so ist es nicht verwunderlich, dass ich an einem meiner Patienten (5 Jahre alt) beobachten konnte, dass er zunächst immer – besonders beim konzentrierten Spielen – den Kopf nach links drehte und die linke Schulter hängen ließ. Nachdem er Nancy Hylton Orthesen (DFO) angepasst bekommen hatte, saß er mit kerzengerader Haltung vor mir. Die Eltern berichteten mir, dass sie diese schiefe Haltung nur noch ganz selten bei ihm beobachten würden. Nur wenn man sich spürt, wenn man spürt, wie man sich hält, kann man diese Haltung korrigieren.

 

 

Einige Hinweise am Rande:

 

Da bei einer solch starken Supinationsstellung ein enormer Druck auf die äußere Fußkante und somit auf den äußeren Schuhrand bzw. Orthesenrand lastet, nutzen sowohl Schuh als z.B. auch die Absatzerhöhung der Orthese an dieser Stelle schneller ab als an der Innenseite, was zu einer Schieflage führt und wiederum rein mechanisch zu einer weiteren Verstärkung der Supinationsstellung. Die Schiefstellung kann man jedoch technisch durch Instandsetzung der Orthesen und dem rechtzeitigen Kaufen neuer Turnschuhe rasch ausgleichen. Spezielle orthopädische Schuhe sind nicht erforderlich und sogar von Nancy Hylton überhaupt nicht vorgesehen.

 

Da meine Patienten aus dem ganzen Bundesgebiet in meine Praxis kommen, sehe ich dynamische Orthesen nach Nancy Hylton aus den unterschiedlichsten orthopädischen Fachgeschäften. Nicht nur die Preise sind nicht einheitlich (was sie eigentlich sein sollten). Auch die Machart bzw. die Qualität ist zum Teil sehr unterschiedlich (was mich noch wesentlich mehr stört). Beileibe sind die teuersten Orthesen dieser Art nicht die besten, häufig sogar umgekehrt. Insofern muss man sich unbedingt erkundigen, ob das jeweilige Orthopädiefachgeschäft entsprechende Qualifikationen vorweisen kann.

 

Ein Team aus Orthopäde, Krankengymnast und Orthopädiemechaniker legen üblicherweise fest, welche Art der Orthese am geeignetsten für das jeweilige Kind ist. Dieses Team hat eine spezielle „Nancy-Hylton-Ausbildung“ absolviert, um die Berechtigung, die Orthesen mit diesem Namen herstellen zu dürfen, zu erhalten.

 

In den meisten Fällen werden die Kosten sowohl für die „Einlagen“/Pe-lites als auch für die knöchelübergreifenden dynamischen Orthesen von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Es empfiehlt sich jedoch, dies mittels eines Kostenvorschlages vorher abklären zu lassen.

 

Diese dynamischen Orthesen nach Nancy Hylton – sowohl die „Einlagen“ als auch die knöchelübergreifenden Orthesen – können bei Patienten mit pathologisch verändertem Muskeltonus und auch z.B. bei gleichzeitig bestehenden Wahrnehmungsstörungen eine deutliche Verbesserung bezüglich des Sitzens, Stehens und Gehens erreichen. Allerdings ist das konsequente Tragen dieser Orthesen bei gleichzeitig gezieltem medizinisch-motorischem Training unbedingt erforderlich. Ansonsten kann man keine Vorteile hierdurch erwarten. Wer von vornherein von nur geringen Tragezeiten ausgeht und diese Konsequenz nicht aufbringen möchte, sollte von diesem Hilfsmittelkonzept eher Abstand nehmen.

 

Auch muss unbedingt darauf Wert gelegt werden, dass die Orthesen ausreichend fest und stramm gezogen werden, da ansonsten die Füße auch in den Orthesen zumindest teilweise in die ursprüngliche Fehlhaltung geraten. Allerdings lohnt es sich nach meiner Erfahrung unbedingt, diese Anstrengungen  durchzustehen, denn die erreichten motorischen Verbesserungen können beeindruckend sein.

 

 

Literatur:

 

  • KNOPPAMÄKI-HERZIG, M. und KALBE, U.: Dynamische Fußorthesen nach Nancy Hylton: Krankengymnastik (KG) 47 (1995) Nr. 6
  • KANNEGIESSER-LEITNER, C.: Psychomotorische Ganzheitstherapie – ein Therapiekonzept für zu Hause bei Kindern mit Cerebralparese oder Mehrfachbehinderung
  • LOHSE-BUSCH, H., RRIEDEL, M. und GRAF-BAUMANN, T. als Herausgeber: Das therapeutische Angebot für bewegungsgestörte Kinder, Springer-Verlag
  • Skript der Bundesfachschule für Orthopädie-Technik 1997

 

Glossar der medizinischen Fachausdrücke:

  • Dorsalflexion des Fußes: Angewinkelter Fuß
  • hyperton: Mit erhöhter Spannung
  • hypoton: Mit zu wenig Spannung
  • kinästhetisch: Betrifft die Bewegungsempfindung oder auch die Qualität der Tiefensensibilität.
  • Kontraktur: Fixierte Bewegungseinschränkung eines Gelenkes
  • Plantarflexion des Fußes: Gestreckter Fuß
  • Pronation: Der Fuß wird im Sprunggelenk so verdreht, dass der innere Fußrand den Boden berührt.
  • propriozeptiv: Bezüglich der Lage und Haltung des Körpers
  • Supination: Der Fuß wird im Sprunggelenk so verdreht, dass der äußere Fußrand den Boden berührt.
  • Tonus: Spannung der Muskulatur

Kontakt:

Förderverein für Psychomotorische Ganzheitstherapie e.V. (PSYGA)

Sibyllenstr. 3

76437 Rastatt

 

Telefon: 07222 21176                 

Telefax: 07222 68706

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