Förderverein für Psychomotorische Ganzheitstherapie e. V. (PSYGA)
Förderverein für Psychomotorische Ganzheitstherapie e. V. (PSYGA)

Erfahrungsberichte

Auf dieser Seite finden Sie Berichte über Kinder, die mit der Psychomotorischen Ganzheitstherapie gefördert werden.

 

Wie man zum Langstreckenläufer wird, obwohl man dies sicherlich nie vorhatte....

Frank-Udo ist 25 Jahre alt. Da er im Vergleich zu anderen Kindern und Jugendlichen mit Angelman-Syndrom sehr schwer beeinträchtigt ist, mussten wir schon immer sehr viel trainieren, um überhaupt auch nur kleinere Fortschritte zu erreichen. Wenn ich mir dann jedoch überlege, dass er mit 1 Jahr noch nicht sitzen, nicht robben und nicht krabbeln und lediglich für ein paar Sekunden aus der Bauchlage heraus den Kopf anheben konnte, sind wir trotzdem recht weit gekommen. Als er 15 Monate alt war, stellten wir seine Förderung um auf ein ganzheitliches intensives Heimprogramm. Mit 26 Monaten erhielt er die Diagnose Angelman-Syndrom. Zu diesem Zeitpunkt konnte er bereits robben und hatte eine gute Kopfkontrolle entwickelt. Bis hin zum Krabbeln dauerte es noch mehr als 2 Jahre, ebenfalls bis hin zum ersten Moment, in dem er beim unterstützten Stehen sein Körpergewicht alleine übernahm.
So sind motorische Übungen unsere ständigen Begleiter geworden – und genauso mein Blick auf Dinge, wie gut sie sich dafür eignen könnten, Frank zu motivieren (knisterndes Plastik, Gefäße mit Wasser drin, Gummibärchen, Popcorn, jetzt auch iPad usw.). Auch ohne dass ich dieses Motto in der Literatur gelesen hätte, hatte ich es von Anfang an verinnerlicht: „Wer gehen lernen will, muss gehen“ (Leitsatz aus der Lokomotionstherapie). Also gingen wir. Dies zunächst so, dass Frank vor mir stand und ich ihn unter den Achseln stabilisierte, mich dann etwas zur Seite neigte, dabei sein anderes Bein nach vorne schob und dann wechselte. Unsere Gehstrecken wurden länger und länger. Dann kam das Gehen auf dem Laufband hinzu. Beim Laufbandtraining motivierte ich ihn dadurch, dass ein Fernseher mit der Möglichkeit, z. B. „Biene-Maja-Filme“ zu sehen, vor ihm stand. Draußen kam es immer auf die Gesellschaft, auf die Richtung und überhaupt auf die Attraktivität unserer Unternehmung an.
Auf die zunächst aufgetretenen Schwierigkeiten, die richtigen Orthesen (letztendlich waren es propriozeptive bzw. dynamische knöchelübergreifende Orthesen = DAFO = Dynamic Ancle Foot Ortheses) zu finden oder auch darauf, dass bei ihm sehnenverlängernde Operationen erforderlich wurden (perkutane Fasziomyotomie vor ca. 7 Jahren), will ich an dieser Stelle nicht näher eingehen. Heute sind nur noch sogenannte dynamische Einlagen (DFO) erforderlich, wobei er auch recht gut barfuß auftreten kann..
Vor 4 Jahren verweigerte Frank von einem Tag zum anderen das Gehen mit mir, er setzte sich einfach hin und dies auch z. B. mitten auf einer Straßenkreuzung in unserem Viertel. Genau zu diesem Zeitpunkt erfuhr ich, dass es den NF-Walker jetzt auch für größere Kinder gibt. Ich nahm mir vor, bevor ich aufgebe (vor lauter vergeblichen Mühen war ich wirklich kurz davor aufzugeben), dieses Laufgerät noch auszuprobieren. Denn von beruflicher Seite aus hatte ich ja schon sehr gute Erfahrung mit diesem Gerät gemacht. Doch ich zweifelte etwas daran, ob dies auch mit Frank so gut funktionieren würde. Zu vieles hatte ich mir zu diesem Zeitpunkt bereits ausgedacht, was von ihm – lächelnd – verweigert wurde.
Um es kurz zu machen: Was daran anders ist, wenn Frank nun im NF-Walker geht als alleine mit mir, ich weiß es nicht! Ich sah von Anfang an und sehe auch heute nur seine Freude, wenn wir schon auf das Gerät zugehen. Unsere Strecken wurden wieder länger, mein Optimismus wuchs, mein Schlafdefizit schmolz etwas, da Frank erneut nachts besser schlief, denn er wurde nun tagsüber wieder mehr motorisch gefordert.
Im Sommer 2012 wurde ich dann übermütig und sagte zu, dass wir innerhalb einer Lebenshilfe-Mannschaft beim 24-Stunden-Lauf in Forbach mitmachten, ein bei uns in der Region bekannter Benefizlauf. Zugegeben, ich war vorher reichlich nervös, aber dies vollkommen unnötigerweise: Schon eine Runde nach dem Start durchgeschwitzt – so schwül war es. Die Kleidung von oben noch trocken, die Haare schon lange nicht mehr. Je später es wurde, umso angenehmer war das Laufen. Meine Bedenken wegen der wirklich sportlichen Läufer waren grundlos, da gerade diese uns beide mehr als freundlich aufnahmen und Frank anfeuerten, ihm sogar unterwegs zuwinkten. Die im Matsch spielenden Kinder brachen bei Franks Anblick jeweils in Jubelrufe aus – also ihm gefiel es sehr. Wir wurden nicht nur angefeuert, sondern man fragte auch die Organisatoren nach uns – warum Frank denn in einem solchen Gerät läuft. Also wurden wir kurzerhand um ein Interview gebeten. Danach kannte jeder Frank-Udo mit Namen.

Insgesamt erliefen wir fast 3 km, wobei gegen 23.00 Uhr der angekündigte Sturm losbrach, so dass der Lauf offiziell unterbrochen werden musste. Zum Glück hatte ich den NF-Walker mit einer Fahrradleuchte ausgerüstet, so dass wir trotz z. T. jetzt fehlender offizieller Beleuchtung sicher in das Zelt und von da aus in die Halle kamen. Die Stimmung in der Halle war enorm - Sturm hin oder her. Obwohl unsere Strecke im Vergleich zu anderen eine eher recht bescheidene Laufleistung darstellte, bin ich heute noch glücklich darüber, diese Verrücktheit gewagt zu haben.

Am 22.7.12, drei Wochen später, fand ein weiterer Benefizlauf in unserer Gegend statt – wieder zu Gunsten der Lebenshilfe. So waren Frank und ich neben etlichen anderen Lebenshilfe-Mitarbeitern oder auch Lebenshilfe-Mitgliedern erneut dabei. Dieses Mal ein Lauf nicht in Regen und Sturm, sondern bei herrlichem Sonnenschein. Erneut überraschte mich Frank, da er jetzt tatsächlich 6 km lief. Dies natürlich mit kleinen Trink- oder auch Gummibärchenpausen, aber doch am Stück. Sofort anschließend war er wieder munter und fit und genoss die Erholung zwischen den Auszubildenden der Firma, die diesen Lauf organisiert hatten. Dass Frank eine solche Laufleistung erreichen könnte, hätte ich mir 2 Jahre vorher nicht träumen lassen.

2013 nahmen wir am Benefizlauf der Stadt Gaggenau zu Gunsten des Helmut-Daringer-Heimes teil. Nun liefen wir 10 km, wieder unter großer und lautstarker Anfeuerung des Publikums und auch der andern wirklich sportlichen Superläufer. Hätte man mich vor Jahren gefragt, ob ich einmal freiwillig solch lange Strecken laufen würde - ich hätte den Fragesteller nur ausgelacht. Und heute versuche ich möglichst täglich (was natürlich nicht immer geht), mit Frank eine längere Strecke, meistens zwischen 2 und 5 km, zurückzulegen. Das ist halt unser tägliches „Joggen“. Die Momente, bis ich mich aufraffe und bis wir beide gerichtet sind, lösen bei mir nicht immer pure Vorfreude aus, denn eigentlich gibt es immer auch andere wichtige Dinge zu erledigen. Sind wir aber draußen, in der Stadt, im Schlosspark oder am Ufer der Murg, schaue ich Frank an, der sich seines Lebens freut und über das ganze Gesicht strahlt - dann genieße ich es regelrecht.
Zurzeit steht gerade kein Lauf an. Doch unser tägliches Training geht weiter und wir holen möglichst einmal pro Woche die Erdbeeren vom Erdbeerstand im Dorf vor Rastatt zu Fuß – hin und zurück 8 km. Unser Ziel, im Verlauf des Sommers auch die dortige Eisdiele zu erreichen, die noch 1 km weiter entfernt ist, haben wir gerade gestern erreicht. Noch etwas weiter laufen, bis zur Rheinfähre, dann übersetzen und im Elsaß Flammkuchen essen - von solch einer Verrücktheit wollen wir heute mal lieber nicht sprechen, aber wer weiß????

Damit trotz der häufigen senkrechten Haltung und der ja bei AS bekannten Neigung zu Skoliose diese sich nicht verschlechtert, müssen wir natürlich weiterhin noch andere motorisch kräftigende Übungen einsetzen: Dies sind z.B. Vierfüßlerstand, Krabbeln (Frank kann gut krabbeln, aber er lässt sich nicht sehr ausdauernd hierzu motivieren. Den Vierfüßlerstand über einen Hocker behält er jedoch während einer ganzen Weile bei und trainiert so die Rückenmuskulatur.), Treppensteigen, regelrechte Rücken-Übungen (sogenannte Sit-Ups verkehrtherum über ein Sofa) oder auch regelmäßig täglich das Galileo-Vibrationstraining (letzteres im Stehen und im Sitzen).

Mehrfach hintereinander den Oberkörper anheben stärkt die Muskulatur.

 

Galileo-Vibrationstraining im Stehen

 

 

 

 

 

 

 

Nur so kann ich erreichen, dass Frank mobil bleibt, Freude an seiner Mobilität behält und hierdurch seine Lebensqualität und überschäumende Frohnatur erhalten werden.
 

Eines habe ich inzwischen gelernt:



Niemals aufgeben - mit Training und
Humor erreicht man viel!

Christel Kannegießer-Leitner
mit Frank-Udo

Rastatt, den 22.5.2014

Kontakt:

Förderverein für Psychomotorische Ganzheitstherapie e.V. (PSYGA)

Sibyllenstr. 3

76437 Rastatt

 

Telefon: 07222 21176                 

Telefax: 07222 68706

E-Mail: foerderverein-psyga@web.de

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