Die Psychomotorische Ganzheitstherapie ist ein Therapiekonzept, welches die Forderung nach Zusammenarbeit zwischen den geltenden Therapierichtungen als ganzheitlicher Therapieansatz konsequent in die Praxis umsetzt.
Wir erstellen als Ärzte und Therapeuten in einer Person Therapieprogramme nicht nur für behinderte Kinder, sondern auch für Kinder, die lediglich minimale Teilleistungsstörungen bzw. einer umschriebenen Entwicklungsstörung (z.B. Regelschüler mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche) aufweisen, und auch für Erwachsene.
Da alle diese Patienten entsprechend ihrer jeweiligen Entwicklung und entsprechend ihrer speziellen Beeinträchtigung eine ganz individuelle Förderung benötigen, ziehen wir es vor, uns nicht auf eine einzige Therapieform festzulegen, sondern erstellen Therapieprogramme unter Einbeziehung der unterschiedlichsten Methoden, die zur Zeit auf diesem Gebiet eingesetzt werden. Die Psychomotorische Ganzheitstherapie ist somit eine sinnvolle Alternative, diese einzelnen Methoden in einem interdisziplinären Ansatz zu kombinieren.
Die eigentliche Therapie wird zuhause von den Eltern mit ihrem Kind durchgeführt. Die Vorstellungstermine in der Praxis dienen der Unterscuhung und der Therapieplanerstellung sowie der Anleitung der Familie.
In folgenden zwei Zeitungsartikeln wird die Psychomotorische Ganzheitstherapie beschrieben.
Die beiden Artikel erschienen
- 2006 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und
- im Jahr 2000 in der Verbandszeitschrift BIG (Bundesinteressengemeinschaft für Geburtsgeschädigte).
29.4.2006 Frankfurter Allgemeine Zeitung
R A S T A T T, im April . Tobias war in der ersten Klasse, als er immer sonderbarer wurde. In der großen Pause wollte er nicht mehr mit den anderen Kindern auf den Schulhof gehen, und schon wenn die Pause nahte und es in der Klasse lauter wurde legte er den Kopf auf die Tischplatte und die Hände schützend darüber. Den Sportunterricht mied er, das Sprechen stellte er ein. „Es war ein seelischer Absturz, und keiner konnte uns helfen“, sagt seine Mutter. Sogar der Kinderarzt war ratlos, er riet zur Ergotherapie. Doch die Ergotherapeutin konnte keine Diagnose stellen, geschweige denn helfen. Nur eine Psychologin hatte noch eine Idee: Sie empfahl, Tobias auf die Sonderschule zu schicken.
„Kinder wie Tobias werden sehr häufig falsch eingeschätzt“, sagt Christel Kannegießer-Leitner, Inhaberin einer Praxis für Psychomotorische Ganzheitstherapie in Rastatt. Sie diagnostizierte eine auditive Wahrnehmungsstörung und Verhaltensauffälligkeiten und behandelt den inzwischen Zwölfjährigen seit nunmehr vier Jahren. Heute geht der Junge auf die Realschule. In den Augen der Ärztin ist diese Entwicklung ganz normal, sie hat in den vergangenen zwölf Jahren viele solcher Fälle erlebt: „Man müßte nur durch die Lernbehindertenschulen dieser Republik gehen und würde etliche Kinder wie Tobias finden.“
Kannegießer-Leitner, eine ehemalige Arbeitsmedizinerin, verbindet die unterschiedlichsten Therapieformen aus Krankengymnastik, Logopädie und Ergotherapie und stimmt sie minutiös auf die Bedürfnisse ihrer Patienten ab. Entwickelt hat die 50jährige diesen Ansatz vor sechzehn Jahren, als ihr schwerstbehinderter Sohn Frank geboren wurde. „Die Ärzte haben mir damals empfohlen, mehrere Therapien gleichzeitig mit ihm zu machen - und herausgekommen ist dabei außer sehr viel Stress nicht besonders viel“, erinnert sich die vierfache Mutter. So begann sie irgendwann, sich selbst Gedanken über Franks Förderung zu machen. Sie besuchte etliche Fortbildungen, Kurse und Seminare und entwickelte daraus die „Psychomotorische Ganzheitstherapie“. Heute kommen Kinder aus Deutschland, Italien, der Schweiz, Österreich und Frankreich zu ihr. Bis zu sechs Monate müssen sie auf einen Termin warten. Zwei bis dreimal im Jahr stellen sich ihre Patienten bei ihr vor, um den Therapieplan anzupassen. Das eigentliche Üben erledigen die Eltern mit ihren Kindern zu Hause.
Neben Patienten wie Tobias behandelt Kannegießer-Leitner auch hyperaktive Kinder, Kinder mit Rechenschwäche oder Lese-Rechtschreibschwäche oder solche mit Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS), außerdem geistig behinderte und auch körperlich sowie mehrfachbehinderte Personen. Eine von ihnen ist die neunjährige Teresa. Während der Geburt litt sie an Sauerstoffmangel, weil ihre Mutter statt eines wehenhemmenden ein wehenförderndes Mittel bekommen hatte. Niemandem war etwas aufgefallen, weil der Wehenschreiber defekt war. Als schließlich ein Arzt hinzugezogen wurde, war Teresa blau, japste nach Luft und hatte eine schwere Hirnschädigung: Alle motorischen und sensorischen Fähigkeiten waren erheblich beeinträchtigt. Seit sieben Jahren wird das Kind ganzheitlich gefördert. Während es vorher trotz herkömmlicher Krankengymnastik noch nicht einmal seinen Kopf alleine heben konnte, kann es nun sogar laufen, wenn seine Mutter sich hinter es stellt und es führt.
„Geführtes Gehen“ nennt man das: „Ich werde von verschiedenen Therapeuten für verrückt erklärt, die meinen, ein Kind wie Teresa hätte keine Chance, jemals laufen zu lernen“, sagt Kannegießer-Leitner. „Die schauen mich ganz komisch an, wenn ich sage, selbst Schwerbehinderte sollten lernen, mit Hilfe von einem Zimmer ins andere zu gehen.“ Ihrer Meinung nach lohnt es sich, dafür viel Zeit und Mühe zu investieren. Denn es ist eine große Erleichterung für die Angehörigen, wenn ein behindertes Kind das „geführte Gehen“ erlerne, bevor es erwachsen werde. „Wenn diese Kinder älter und damit größer und schwerer werden, ist es für alle Beteiligten sehr viel angenehmer, wenn sie laufen können.“
Etliche Stunden üben Kannegießer-Leitners Patienten mit Hilfe ihrer Eltern zu Hause. Je nach Diagnose laufen sie auf Laufbändern, machen Fingerübungen, arbeiten mit einer Art Krabbelgerät, trainieren ihre Wahrnehmung oder robben über den Boden. Jede Therapie ist anders, aber alle setzen sich aus vielen verschiedenen Bausteinen zusammen. Ein immer wiederkehrendes Element, zentraler Baustein der Psychomotorischen Ganzheitstherapie: das Kreuzmuster-Patterning. Nach Ansicht von Kannegießer-Leitner ist es von entscheidender Bedeutung für die Vernetzung der rechten und linken Gehirnhälfte und somit für die motorische, sensorische und intellektuelle Entwicklung eines Menschen, ob er es gelernt hat, beim Robben, Krabbeln und Arme und Beine über Kreuz nach vorne und hinten zu bewegen, also diese Bewegungen korrekt auszuführen.
Zwar halten auch andere Therapeuten diese Überkreuz-Bewegungen für wichtig, doch testen viele von ihnen nur das Krabbeln und den Hüpferlauf und nicht das korrekte Robben. Daher entgehe ihnen eine entscheidende Beobachtung: „Jedes Schulkind, das Probleme mit dem Rechnen, Lesen oder Schreiben hat, hat Schwierigkeiten mit dem Kreuzmuster, und jedes Kind, das die Kreuzmuster-Übungen korrekt auszuführen gelernt hat, wird seine gesamten Leistungen verbessern.“ In ihren beiden Büchern „Ihr könnt mir wirklich helfen“ und „Das ADS-Schnellprogramm für zu Hause“ beschreibt sie unter anderem, wie das funktioniert. Natürlich wird sie dafür angegriffen, und natürlich gibt es – zu ihrem großen Bedauern, wie sie sagt – keine Reihenuntersuchungen zu dem Thema. Dafür gibt es die Kinder, denen Kannegießer-Leitner geholfen hat.
„Ohne sie würden unsere Söhne jetzt nicht so gut dastehen“, sagt die Mutter von zwei fünfzehn und sechzehn Jahre alten Realschülern aus der Nähe von Karlsruhe. Beide sind sehr gute Schüler. Doch vor sechs Jahren, als die Familie erstmals in der Rastatter Praxis vorstellig wurde, hatten beide Kinder eine ausgeprägte Lese-Rechtschreibschwäche, der älteste Sohn ging auf die Hauptschule, der andere noch in die Grundschule. Nachhilfeunterricht brachte gar nichts, und wenn am nächsten Tag in der Schule Diktate geschrieben werden sollten, hing abends der Haussegen schief: Statt einzuschlafen, stand der Ältere wieder und wieder auf, um seine Eltern zu fragen: Wie schreibt man dies, wie schreibt man das? „Sein Selbstbewußtsein war im Keller“, sagt die Mutter. Als Christel Kannegießer-Leitner ihren Therapieplan vorlegte, war sie jedoch zunächst skeptisch: „Ich konnte mir nicht vorstellen, daß man durch so ein bißchen Krabbeln in Deutsch besser wird.“ Doch nachdem ihre Söhne insgesamt vier Jahre lang jeden Tag 20 Minuten nach einem ausgeklügelten Therapieplan trainiert haben, ist sie begeistert.
Die Kritiker der Psychomotorischen Ganzheitstherapie bemängeln dagegen zum Beispiel, daß die Mütter der Patienten bei den täglichen Übungen als deren Co-Therapeuten fungierten. Dadurch werde das Mutter-Kind-Verhältnis gestört. Die Dauer der täglichen Übungen sei überzogen. Es gibt Angehörige, die von anderen Ärzten schriftlich gewarnt wurden, dem Rastatter Therapieplan zu folgen, da er die Kinder und deren Familien überfordere. Kannegießer-Leitner meint: „Wenn Kinder wie Teresa oder Tobias so große Fortschritte machen, dann kommt das vom vielen Üben. Für das Gelingen der Therapie sind Eltern wichtig, die sich nicht alles aufoktroyieren lassen, sondern selbstbewußt sind. “Was die Angehörigen an Kannegießer-Leitners Arbeit besonders schätzen, ist ihr interdisziplinärer und ganzheitlicher Ansatz. So hatte es bei einer Siebzigjährigen, die von einem Auto überfahren wurde, seitdem nicht mehr sprechen konnte und an Armen und Beinen gelähmt war, fünf Jahre lang kein Krankengymnast, kein Angehöriger und keine Logopäde die Frage gestellt, die Kannegießer-Leitner bei ihrem ersten Besuch in den Sinn kam: „Hat die Frau vor ihrem Unfall eine Brille getragen?“ Sie hatte. Seit man sie ihr wieder aufsetzt, kann sie auf Lesekärtchen reagieren – und so zumindest selbst bestimmen, was sie trinken will und welches Fernsehprogramm sie sehen möchte.
Angehörige meinen, die Therapie lasse sich recht problemlos in den Alltag einer Familie einfügen, obwohl sie zeitaufwendig ist. Kannegießer-Leitner hat sie zu Hause entwickelt- neben ihren anderen drei Kindern, ihrem Mann und ihrer damaligen Tätigkeit als Arbeitsmedizinerin. Dafür sagt sie, mußte sie Prioritäten setzten und lernen, sich helfen zu lassen. Nur einmal in ihrem Leben habe sie sich überlastet gefühlt. Sie reagiert darauf, indem sie auf ihre Position in der ersten Geige in ihrem Rastatter Orchester verzichtete. Seitdem spielt sie dort wieder in der zweiten Geige. „Mit Freude“, wie sie sagt.
Katrin Hummel, Frankfurter Allgemeine Zeitung
29.4.2006
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Die Psychomotorische Ganzheitstherapie als ambulante, neurologische Rehabilitationsform (aus BIG)
Die Psychomotorische Ganzheitstherapie ist ein interdisziplinäres Therapiekonzept, welches die theoretisch bestehende Forderung nach Zusammenarbeit zwischen den geltenden Therapierichtungen als ganzheitlicher Therapieansatz (13,19,22,52) konsequent in die Praxis umsetzt. Wir erstellen als Ärzte und Therapeuten in einer Person Therapieprogramme nicht nur für behinderte Kinder, sondern auch für Kinder, die lediglich minimale Teilleistungsstörungen (z.B. Regelschüler mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche) aufweisen, und auch für Erwachsene. Da alle diese Patienten entsprechend ihrer jeweiligen Entwicklung und entsprechend ihrer speziellen Beeinträchtigung eine ganz individuelle Förderung benötigen, ziehen wir es vor, uns nicht auf eine einzige Schule festzulegen, sondern erstellen Therapieprogramme unter Einbeziehung der unterschiedlichsten Methoden, die zur Zeit auf diesem Gebiet eingesetzt werden. Die Psychomotorische Ganzheitstherapie ist somit eine sinnvolle Alternative, diese einzelnen Methoden in einem interdisziplinären Ansatz zu kombinieren.
Entstehung der Psychomotorischen Ganzheitstherapie:
Als Anstoß für die Psychomotorische Ganzheitstherapie steht die private Erfahrung zweier Ärztinnen: Wir stellten unabhängig voneinander fest, wie überaus mühsam die konsequente Förderung eines behinderten Kindes sein kann, wenn man diese unter Einbeziehung mehrerer Therapeuten nebeneinander durchführt. So unterschiedlich wie die jeweilige Behinderung ist - hier ein Junge mit Angelman-Syndrom mit einer schweren psychomotorischen Entwicklungsstörung von Geburt an, dort ein Junge im Wachkoma nach einem Unfall im Alter von viereinhalb Jahren - so ähnlich waren die Erfahrungen mit den zunächst angebotenen Therapieformen: Während die eigentlichen Übungen z.B. aus der Vojta-Therapie, Bobath-Therapie, der Sensorischen Integrationstherapie oder auch logopädischer Art an sich gut und sinnvoll waren, war die Störung unserer Kinder so gravierend, dass zum einen die Fortschritte trotz konsequenter Therapie ausblieben und zum anderen die restliche Familie wegen der häufigen Therapeutenbesuche enorm gestresst war. Fortschritte stellten sich bei meinem Sohn erst ein, nachdem ich auf ein ganzheitliches Heimprogramm umgestiegen war. Mit letztendlich geringerer Belastung für mich und meine Familie konnte die Therapie intensiviert werden. Schon nach kurzer Zeit begann mein Sohn, der mit einem Jahr lediglich mehrere Sekunden aus der Bauchlage heraus den Kopf anheben konnte, zu robben, zunächst auf der schiefen Ebene, dann auf dem Boden. Diese Erfahrung mit meinem eigenen Sohn führte dazu, dass ich, um selbst besser in die Therapieplangestaltung eingreifen zu können, eine intensive Fortbildung auf dem Gebiet der Frühförderung absolvierte. Letztendlich eröffnete ich 1993 mit diesem persönlichen Hintergrund aus privater Erfahrung, kombiniert mit ärztlicher und therapeutischer Weiterbildung, in Rastatt eine Praxis für entwicklungsauffällige und behinderte Kinder. Die Arbeit mit meinen Patienten, sowohl, was die Erfolge anbelangt als auch die stetig steigende Nachfrage, bestätigt mir die Notwendigkeit meines Therapiekonzeptes der Psychomotorischen Ganzheitstherapie als Alternative auf dem Gebiet der Frühförderung. 1998 lernte ich meine Kollegin Frau Dr. Sörgel kennen, die ebenfalls aus privater Betroffenheit heraus eine intensive Fortbildung auf diesem Gebiet durchlaufen hatte. Es war nur noch eine logische Konsequenz, dass ich sie in die speziellen Eigenarten der Psychomotorischen Ganzheitstherapie einarbeitete, so dass sie im Sommer 1999 eine eigene Praxis eröffnen konnte. Durch diesen zweiten Standort für Psychomotorische Ganzheitstherapie in Deutschland wird zum einen erreicht, dass die Anfahrtswege für die einzelnen Familien (gerade jetzt aus Nord- und Ostdeutschland) sich reduzieren. Zum anderen verkürzt sich hierdurch auch die Wartezeit auf einen Vorstellungstermin. Abgesehen davon stellt die enge Zusammenarbeit mit einer anderen Praxis durch den hierdurch möglichen Erfahrungsaustausch für beide von uns eine Bereicherung dar.
Neurophysiologische Grundlagen:
Der Psychomotorischen Ganzheitstherapie liegt wie den Therapieformen, auf denen sie aufbaut, die Plastizität des Zentralnervensystems als neuroanatomische Voraussetzung zugrunde. „Neuroplastizität ist ein Geschehen, das sowohl beim Aufbau, beim lebenslänglichen Umbau, beim Lernprozess des normalen Nervensystems als auch vor allem beim Wiederaufbau eines geschädigten Systems eine große Rolle spielt. ... Das zentrale Nervensystem verfügt über einige Anpassungsstrategien, die sich unbewusst und automatisch einstellen. Wegen der starken Förderung dieser Prozesse durch die Afferenzen ist es wichtig, die Plastizität mit entsprechenden Herausforderungen zu fördern“ (25). Diese Forderung nach intensiver Therapie aus neurologischer Sicht wird ergänzt durch die Erkenntnis: „Weil das Nervensystem eine unteilbare Ganzheit bildet, sollte man den Patienten als Ganzes betrachten und behandeln.“ (25). Eine solche ganzheitliche Betrachtung kann jedoch nur durch eine interdisziplinäre Arbeitsweise der Therapeuten erreicht werden, die wegführt von der klassischen Trennung z.B. nach reiner Krankengymnastik, Ergotherapie, oder auch Logopädie. Somit stellen diese neurologischen Forderungen nach intensiver Therapie und ganzheitlicher Arbeitsweise die Eckpfeiler für die Psychomotorische Ganzheitstherapie dar.
Auf die einzelnen Formen der Neuroplastizität (z.B. Fortbestehen der embryonalen Überinnervation, Aktivierung der schlafenden Synapsen oder auch regenerative und kollaterale Aussprossung im zentralen Nervensystem) an dieser Stelle einzugehen, würde zu weit führen, so dass wir diesbezüglich auf entsprechende Fachliteratur verweisen (4,41,42,46,47,61).
Organisatorischer Ablauf der Therapie:
Die gesamten Übungen werden von der Familie mit dem Patienten daheim nach genauer und ausführlicher Anleitung, die in der therapeutischen Praxis stattfindet, durchgeführt. Die Untersuchung des Patienten und die Anleitung der Familie ist so organisiert, dass häufige Besuche in der Praxis nicht erforderlich sind. Das Entscheidende, bei der Psychomotorischen Ganzheitstherapie ist, dass es sich um sogenannte Heimprogramme handelt und die Therapieprogramme, welche im interdisziplinären Sinn alle Bereiche berücksichtigen, auf der Plastizität des Gehirns (s.o.) aufbauen.
Zunächst halten wir für mehrere Familien gleichzeitig ein Einführungsseminar ab. Dieses Seminar beinhaltet u.a.: Die normale Entwicklung eines Kindes, die normale Funktionsweise (kurz zusammengefasst) des Gehirns, Schädigungsmöglichkeiten des Gehirns, Vorstellung von Einzelübungen aus den verschiedenen Therapieformen, die Bestandteile der Psychomotorischen Ganzheitstherapie sind, sowie komplette Therapieprogramme.
Das Seminar erstreckt sich über einen Samstag, insgesamt ca. 7 Stunden. Auf diese Weise erhalten die Eltern das nötige Hintergrundwissen, um ihr Kind - seine Entwicklung und sein Verhalten - besser verstehen zu können. Gerade da die einzelnen Vorstellungstermine in der Praxis im Abstand von 3 - 6 Monaten stattfinden, halten wir es für wichtig, dass die Eltern möglichst viel an diesbezüglichen medizinischen Inhalten nachvollziehen können.
Der jeweilige Patient wird am Ersttermin bezüglich aller Bereiche untersucht. Zusätzlich werden die Informationen aus entsprechenden Entwicklungsgittern, z.B. FRÖHLICH (23) oder KIPHARD (32), oder bei Bedarf aus weiteren Testverfahren (z.B. 14, 38, 39) entnommen sowie vorhandene medizinische Berichte herangezogen. Dabei geht es darum zu sehen, in welchen Bereichen die Funktionen regelrecht und welche Funktionen eingeschränkt sind. Daran anschließend wird das Therapieprogramm erarbeitet und mit der Familie durchgesprochen sowie die einzelnen Übungselemente gründlichst eingeübt. Es ist sehr wichtig, dass die Familie, die daheim das jeweilige Therapieprogramm durchführen soll, dessen Inhalt und Umfang akzeptiert.
Bei Erwachsenen kann man je nach Schädigung zwar davon ausgehen, dass sie ein Einsehen in die Notwendigkeit dieser Übungen haben. Aber da man bei den wenigsten entwicklungsauffälligen oder behinderten Kindern voraussetzen kann, dass sie die Tragweite voll erfassen, ist es so entscheidend, dass sie mit Spaß und Freude ihr Therapieprogramm mitmachen, am besten ohne zu merken, dass es eine Therapie ist.
Der 2. Vorstellungstermin findet spätestens nach 4 Monaten statt, damit wir bei Anlaufschwierigkeiten möglichst früh helfend eingreifen können.
(Nachtrag vom 31.10.09: Da inzwischen alle Familien vor dem 1. Vorstellungstermin das Einführungsseminar über die Psychomotorische Ganzheitstherapie besucht haben, wird auch der 2. Vorstellungstermin in einem Abstand von 5 bis 6 Monaten festgelegt. Die Erfahrung hat gezeigt, dass die Familien hiermit sehr gut zurecht kommen. Sollte es in Ausnahmenfällen einmal erforderlich sein, kann selbstverständlich der Abstand zwischend den Terminen verkürzt werden.). Der Abstand zwischen den weiteren Vorstellungsterminen liegt bei 3 bis 6 Monaten. (Nachtrag: Auch hier hat sin in den letzten Jahren meistens ein Abstand von 6 Monaten ergeben. Allerdings erhalten die Ramilien die Gelegenheit, nach 3 Monaten eine Zwischenbilanz an die Praxis zu schicken). Er richtet sich nach der Entwicklung und den Fortschritten des Patienten. Selbstverständlich steht der Therapeut bei auftauchenden Fragen zwischen diesen Terminen, z.B. auch telefonisch, gerne zur Verfügung. Auch können bei Bedarf zwischendurch Termine vereinbart werden. Darüber hinaus verfahren einige Familien auch dahingehend, dass sie weiterhin in gewissen Abständen einen Therapeuten vor Ort aufsuchen, sei es zur Kontrolle der Durchführung oder auch zur Motivation des Kindes. Diese Therapeuten haben sich jeweils in das von uns erstellte Therapieprogramm eingearbeitet, zum Teil sogar unsere Einführungsseminare besucht.
Sollte es erforderlich sein, neurologische, orthopädische und augenärztliche Fragen oder auch Fragen aus dem Hals-Nasen-Ohren-Gebiet weiter abklären zu lassen, arbeiten wir mit den entsprechenden Kollegen zusammen, so dass diese eine Konsiliaruntersuchung durchführen.
Ein Vorstellungstermin in der Praxis dauert erfahrungsgemäß zwischen 2 Stunden (Patienten mit minimalen Teilleistungsstörungen) und 5 Stunden (schwerstmehrfachbehinderte Patienten).
Ausführliche Fallbeschreibungen mit Therapieprogrammen und Verlaufsberichten würden an dieser Stelle den Rahmen sprengen. Allerdings möchten wir kurz skizzieren, warum wir der interdisziplinären Arbeit durch einen in mehreren Therapierichtungen gleichzeitig ausgebildeten Therapeuten den Vorrang geben vor mehreren Einzeltherapien nebeneinander und auch, warum wir die Mitarbeit der Eltern als Co-Therapeuten (13, 27, 28, 33, 53) für unerlässlich halten:
Allgemeine diagnostische Überlegungen:
Den speziellen Übungen stellen wir diagnostische Überlegungen voran, die zwar in jeder therapeutischen Praxis vermutlich noch weitaus dezidierter als hier dargestellt erhoben werden, aber zumindest mit den hier beschriebenen Schwerpunkten den Eltern erklärt werden sollten:
Seitenasymmetrien, Wirbelsäulendeformitäten, aber auch eine falsche Fußstellung sind wichtige Bestandteile des Befundes. Deren Bedeutung für die zukünftige Entwicklung sollte den Eltern nicht vorenthalten werden. Dies gilt vor allem auch deswegen, da für Abweichungen in diesem Bereich meistens eine mehr oder weniger starke Spastik oder im Gegensatz dazu eine stärkere Hypotonie zugrunde liegt. Für die Zusammensetzung der Übungen ist es wichtig, diese Unterschiede genau festzuhalten, welche Bewegungen durch eine Spastik, welche durch eine Athetose oder auch welche durch Hypotonie negativ beeinflusst werden. Dies gilt insbesondere für die Bewegungsfolgen, die auf dem Weg zur Lokomotion, also auf dem Weg zur Entwicklung hin zum aufrechten Gang erforderlich sind. Gleichzeitig muss eine Beurteilung erfolgen, inwieweit es durch die Spastik bereits zu Kontrakturen (z.B. fixierter Spitzfuß, Spreizhemmung im Hüftgelenk durch den Adduktorenspasmus oder auch Streckhemmung im Kniegelenk) gekommen ist. Gerade beim Gehen oder Stehen ist die Beurteilung der Fußhaltung wichtig. Denn es kann z.B. auch ein im Liegen nicht fixierter Spitzfuß beim Gehen und Stehen durch die als Reflex einschießende Spastik so stark werden, dass die Fersen den Boden nicht mehr berühren oder noch weitere Verformungen auftreten, die in Ruhehaltung nicht in Erscheinung treten.
Zusätzlich ist es wichtig festzuhalten, ob und wie ein Kind robben kann. Kann es dies zum Beispiel auf dem Boden oder nur auf der schrägen Ebene? Erfolgen die Bewegungen koordiniert, im Kreuzmuster, homolateral oder in einem anderen Muster? Kann es Arme und Beine alleine einsetzen oder benötigt es Unterstützung, kommt das Kind zum Vierfüßlerstand, alleine, mit Unterstützung oder noch überhaupt nicht? Jetzt wiederum muss das Krabbeln nach Symmetrie, Koordination Bewegungsmuster (gekreuzt oder homolateral) beurteilt werden. Wenn einem Kind das freie Krabbeln noch nicht gelingt, kann es dann vielleicht auf einem Krabbelwagen im Vierfüßlerstand bleiben oder gar auf dem Krabbelwagen krabbeln? Aufrichten zum Kniestand (frei, selbständig, an Möbeln oder mit Unterstützung) ist zu untersuchen bzw. zu erfragen. Gleiches gilt für den Kniegang.
Auch wenn ein Kind sich noch nicht selbständig zum Stand hochziehen kann, kann es bereits unter Umständen stehen: Im Stehständer, an einer Wand angelehnt, an einer Stange oder an einer bzw. an zwei Händen festgehalten. Die diesbezüglichen Fertigkeiten sollten genauestens herausgearbeitet werden. Ähnliches gilt für das Gehen. Im Gehlernwagen, an der Gehleiter, unter der Über-Kopfleiter oder an ein oder zwei Händen festgehalten. Auch ob es die Beine hierbei alleine alternierend setzen kann, einen jeweils leichten Anstoß oder das regelrechte „Schieben“ der Beine zur Unterstützung benötigt, ist von Bedeutung.
Bei einer Seitendifferenz des Muskeltonus’ kommt es zu einer asymmetrischen Körperhaltung, die wiederum im Laufe der Zeit eine Skoliose bewirken kann. Eine Skoliose kann aber auch von einer Asymmetrie ganz anderer Art hervorgerufen werden, nämlich von einer Beinlängendifferenz. Während eine Seitendifferenz im Muskeltonus spezielle Übungen verlangt, macht eine Beinlängendifferenz eventuell eine Absatzerhöhung erforderlich. Somit sollten diese Kinder unbedingt zu einem Orthopäden weitergeleitet werden.
Insgesamt halten wir es für äußerst wichtig, den Eltern gegenüber nicht nur zu erläutern, was ihr Kind an Fertigkeiten nicht kann bzw. welche Funktionen in welcher Art und Weise gestört sind. Sondern das Herausarbeiten der einzelnen Fertigkeiten des Kindes stellt in unseren Augen die wichtigste Grundlage in der Zusammenarbeit mit den Eltern dar, denn auf diesen Fertigkeiten sollte das jeweilige Therapieprogramm aufbauen: Man holt das Kind da ab, wo es steht.
Diese Überlegungen gelten sowohl für das Wachkoma als auch für schwer wahrnehmungs- und bewegungsgestörte Kinder, deren Funktionseinschränkungen zwar weniger gravierend, aber die schweren Wahrnehmungsstörungen trotzdem führend sind (55).
Eine Defizitdiagnostik ist kein Ansatz für eine Therapie, denn auch jemand, der gar nichts kann, „kann eine kleinste Sache“, für die man ihn loben kann und auf die man aufbauen kann. Je stärker ein Patient in seinen Funktionen beeinträchtigt ist, desto schwieriger und zeitaufwendiger ist es, heraus zu arbeiten, welche Fertigkeiten kleinster Art trotzdem vorhanden sind.
Ganz entgegen gesetzt ist es bei Kindern mit minimalen Teilleistungsstörungen. Denn wie häufig werden diese Kinder als „grob neurologisch unauffällig“ oder als „normale Spätentwickler“ bezeichnet, nur weil ihre Auffälligkeiten vordergründig sehr gering sind und ihre Intelligenz altersentsprechend ist. Selbst in der dritten Grundschulklasse, in der meistens die hieraus resultierenden Schulprobleme offensichtlich werden, wird nur die schulische Seite beurteilt. Dass als Ursache für diese schulischen Probleme Wahrnehmungsstörungen oder Koordinationsschwierigkeiten zugrunde liegen, wird nicht berücksichtigt. Dies bedeutet, dass bei diesen Kindern, z.B. bei Schülern mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche, auch kleinste Auffälligkeiten mit zur Beurteilung herangezogen werden müssen, da nur so heraus gearbeitet werden kann, welche feinen Störungen zu den dann doch meistens recht großen schulischen Problemen geführt haben.
Übungen aus der Psychomotorischen Ganzheitstherapie :
An dieser Stelle auf alle im Rahmen der Psychomotorischen Ganzheitstherapie eingesetzten Übungen und die dahinter stehenden Überlegungen einzugehen, würde zu weit führen. Die einzelnen Übungen werden integriert in ein Therapieprogramm, welches hauptsächlich folgende Übungselemente enthält: Auszugsweise sei erwähnt, dass wir zur Verbesserung der Motorik Übungen von BOBATH (7,), von KIPHARD (31) sowie teilweise Kreuzmusterübungen (11,12,26,27,28,46) sowie teilweise das MOVE-Programm (6) oder auch einzelne Übungen nach PETÖ (18) heranziehen. Zur Verbesserung des reinen Gleichgewichtes werden von mir Übungen nach AYRES (4) und FRÖHLICH (21,22) einbezogen. Die Verbesserung der Körpergeschicklichkeit bzw. Körperkoordination stützt sich zusätzlich noch auf KIPHARD (33). Zur Verbesserung des Tastempfindens werden wiederum größtenteils Übungen nach AYRES (4) oder FRÖHLICH (21,22) herangezogen. Jedoch arbeiten wir zur Verbesserung der Wahrnehmung auch nach Anregung von AFFOLTER (1,2). Die Übungen bei zentral blinden Kindern basieren meistenteils auf der Basalen Stimulation von FRÖHLICH (21,22), sind aber identisch mit den üblichen Empfehlungen der Blinden-Institute (45).
Übungen zur Verbesserung des optischen Verständnisses gehen zum Teil auf KIPHARD (33) zurück. Auf FRÖHLICH (21,22), SCHMID-GIOVANNINI (54)und FROSTIG (24) basieren die Übungen zur Verbesserung des Gehörs und des Sprachverständnisses. Hinzu kommen noch Übungen von CASTILLO-MORALES (10) und PADOVAN (46) als Mundfunktionsübungen, Sprachübungen nach SCHMID-GIOVANNINI (54) sowie Übungen nach KIPHARD (35) und nach PADOVAN (46) zur Verbesserung der Handgeschicklichkeit. Atemübungen (27,58), z.B. zum Vertiefen der Atmung oder zum Abbau einer paradoxen Atmung, können bei manchen Patienten mit Sprachauffälligkeiten ebenfalls angezeigt sein.
Intelligenzfördernde Übungen sind, wie zu erwarten, den Bedürfnissen des Kindes entsprechend noch differenzierter zu betrachten. Zum einen dienen hierzu ebenfalls die Übungen zur Verbesserung in den einzelnen Wahrnehmungsbereichen, z.B. auch nach WARNKE (60, 61) zur Schulung einzelner Detailbereiche wie z.B. optische und akustische Rechts-Links-Differenzierung, Tonhöhe, Richtungshören etc. Übungen zur kompletten Kreuzmusteranbahnung (11, 12, 26, 27, 28, 46), um hierdurch ebenfalls die Rechts-Links-Differenzierungsschwäche zu verbessern, gehen ebenfalls in diesen Bereich mit ein. Zum anderen finden sich weitere Übungen z.B. bei KIPHARD (33,34) und MONTESSORI (44). Sogenannte Hirnleistungstrainingsprogramme, z.B. von RIGLING (50), oder auch Rechen- und Schreiblernsoftware bei Schülern können die Palette der Übungen ergänzen.
Extreme Standpunkte schaden dem Patienten mehr als dass sie ihm nützen, auch wenn eine gewisse therapeutische Erfahrung dahinterstehen mag. So stellt es einen bekannten Streitpunkt dar zu entscheiden, ab wann ein körperbehindertes Kind zum aufrechten Stand gebracht werden darf. Während Bobath-Therapeuten auch bei Kindern mit noch massiv hypotonem Oberkörper bereits sehr früh Stehübungen einsetzen (7) - ähnliches gilt übrigens auch für Petö-Therapeuten mit der entsprechenden Gehleiter (18) - wird bei der Vojta-Therapie (59) und bei der Doman-Therapie (5) auf jeden Fall zugewartet, bis ein Kind krabbeln kann, was das andere Extrem darstellt. Somit riskieren die Bobath- und die Petö-Therapie bei Kindern mit hypertonen unteren Extremitäten (besonders bei Kindern mit einer Seitenasymmetrie) eine BWS-Skoliose, bei Kindern mit hypotonen unteren Extremitäten eine Hüftluxation. Die Vojta-Therapie und die Doman-Therapie dagegen riskieren gerade bei hypertonen Kindern eine Hüftluxation, da die Hüftgelenke zur Entwicklung des Pfannendaches einen gewissen Stehreiz benötigen. Schon diese äußerst kurz gefasste und sehr vereinfachte Gegenüberstellung zeigt, dass beide Seiten nicht ohne Grund ihre Vorgehensweise so gewählt haben, aber andere Aspekte nicht genügend gewürdigt werden. Insofern stellt sich für die Psychomotorische Ganzheitstherapie bei jedem Kind mit einer Körperbehinderung jeweils erneut die Frage, ob Steh- bzw. Gehübungen angezeigt sind oder nicht. Gerade die Hypotonie im Oberkörperbereich muss berücksichtigt werden, aber auch die physiologischen Erfordernisse bezüglich der Hüftgelenksreifung, ganz zu schweigen von der Motivation des Kindes. Diese Kompromissbereitschaft im Angesicht der Gefahren Hüftluxation auf der einen Seite und Skoliose auf der anderen Seite hilft wesentlich weiter als extreme Positionen. Zum Glück konnten wir in letzter Zeit auch bei diesen beschriebenen Therapierichtungen eine gewisse Kompromissbereitschaft feststellen.
Es kann nicht oft genug betont werden, dass es aufgrund der komplexen Gehirnstruktur von Bedeutung ist, möglichst mehrere Bereiche gleichzeitig durch einzelne Übungen anzusprechen (19).
Bezüglich der umfassenden und ganzheitlichen Therapie für mehrere Bereiche gleichzeitig gilt jedoch: Gerade wenn mehrfach behinderte Kinder bereits regelmäßig wöchentlich krankengymnastische und ergotherapeutische Termine haben, unabhängig davon, ob die Mutter für daheim Anleitung erhält oder nicht, kann es bei entsprechenden Störungen z.B. zusätzlich in der Sprachentwicklung sinnvoll sein, noch Logopädie hinzuzunehmen. Dies würde zu einem weiteren Termin führen, was insgesamt für die Mutter eine enorme Belastung und auch einen regelrechten Stressfaktor darstellen kann, da jeder dieser Termine mit zeitlicher Organisation und Transportproblemen verbunden ist. Wird dagegen von einem einzigen Therapeuten ein ganzheitliches Therapieprogramm erarbeitet, ist es vollkommen unproblematisch, unter Berücksichtigung der weiteren Übungen, noch gezielt, um bei diesem Beispiel zu bleiben, Mundfunktionsübungen bzw. logopädische Übungen mit in das Therapieprogramm aufzunehmen. Dadurch wächst auf der einen Seite die Belastung für die Familie nicht. Und auf der anderen Seite werden diese Übungen in ein interdisziplinäres Gesamtkonzept eingebaut, so dass sie auch tatsächlich der wirklichen Situation des Kindes entsprechen.
Eine interdisziplinäre Ausbildung der Therapeuten halten wir alleine schon deswegen für wichtig, damit besser entschieden werden kann, ob für ein bestimmtes Kind nun Vojta-Übungen, Bobath-Übungen oder eventuell sogar eine Kombination von beiden oder eine Ergänzung durch weitere Übungen sinnvoll sein kann. Zur Zeit bleibt es noch viel zu sehr dem Zufall überlassen (29), welche Therapie zum Einsatz kommt: Es wird weniger einer Therapieform der Vorzug gegeben als der Ausstrahlung und Persönlichkeit des jeweiligen Therapeuten - oder der Wohnlage, das heißt, der Therapeut mit der kürzesten Entfernung zur Wohnung der Familie wird gewählt. Auch wenn beide Therapiekonzepte sehr viel Gegensätzliches enthalten, kann eine Kombination möglich sein, jeweils mit unterschiedlichem Schwerpunkt. Eine reine krankengymnastische Therapie ohne Ergänzung durch andere Therapieformen ist bei den allermeisten Kindern mit zentralen Bewegungsstörungen zu wenig.
Indikationen:
Zur Frage nach der Indikation ist zu sagen, dass unsere Patienten alle eine Hirnfunktionsstörung in mehreren Bereichen haben. Lediglich das Ausmaß dieser Funktionsstörung und die Verteilung ist jeweils äußerst unterschiedlich. Die Beeinträchtigungen unserer Patienten umfassen eine Bandbreite von einer Schwerstmehrfachbehinderung - aber auch z.B. Wachkoma (55) - auf der einen Seite bis hin zu minimalen Teilleistungsstörungen mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche, Dyskalkulie oder einem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom auf der anderen Seite.
Wirksamkeitsnachweise:
Da die Psychomotorische Ganzheitstherapie sich auf die üblichen anerkannten Therapieformen stützt wie z.B. BOBATH, VOJTA, AYRES etc., ist ihre Wirksamkeit genauso wenig wissenschaftlich zu beweisen wie dies bei den anerkannten Methoden möglich ist. Sowohl bei der Psychomotorischen Ganzheitstherapie als auch bei den anderen unserem Konzept zugrunde liegenden Therapien ist der Erfolgsnachweis nur empirisch zu erbringen. Denn die Untersuchungen, die von SCHLACK (53) zusammenfassend beurteilt wurden, ergaben, dass der Effekt krankengymnastischer Behandlung (verschiedene Methoden) um so weniger objektivierbar war, je strenger die angelegten methodischen Kriterien waren. Weiter kommt er zu dem Ergebnis, dass solche Untersuchungen weltweit noch ausstehen. Andere (29) beurteilen die bisher angewandten Therapieformen noch kritischer.
Allerdings wurde bei der Kritik an diesen Therapieformen bezüglich ihrer Effektivität, unabhängig von wem erhoben, nicht berücksichtigt, inwieweit diese Therapien nur in der therapeutischen Praxis (somit nur eventuell eine halbe bis eine Stunde pro Woche) oder auch zu Hause (mit jeweils sehr unterschiedlichen Therapiezeiten) durchgeführt wurden. Es ist immer wieder erstaunlich, welche geringen täglichen Therapiezeiten auch bei schwerstmehrfachbehinderten Kindern akzeptiert und als ausreichend angesehen werden. Dann gleichzeitig von einer nur geringen Neuroplastizität auszugehen, wenn bei diesen Kindern keine gravierenden Verbesserungen erreicht werden können, ist ein Fehlschluss: Eine theoretisch mögliche Neuroplastizität kann nur zum Tragen kommen, wenn dem Gehirn ausreichend sensorische und motorische Reize angeboten werden. Dass eine intensive Therapie wichtig ist, wird von etlichen Autoren bestätigt (18, 29, 48). In unserer Praxis erleben wir immer wieder, dass auch gerade bei schwerstbehinderten Kindern erreichte Fortschritte sehr wohl in Zusammenhang zu bringen sind mit einer intensiv durchgeführten Therapie. Diese Überlegungen könnten die Diskrepanz zwischen fehlenden Fortschritten unter den bekannten Einzeltherapien und den dann doch eintretenden Fortschritten, wenn diese Einzeltherapien wie in unserem Konzept der Psychomotorischen Ganzheitstherapie zu einem interdisziplinären Heimtherapieprogramm kombiniert werden, erklären. Entsprechende Verlaufsbeobachtungen können die Richtigkeit dieser Überlegungen bestätigen (27). Angeborenen organischen Hirnschädigungen sind sicherlich therapeutische Grenzen gesetzt (52). Doch welche Grenzen im individuellen Fall tatsächlich vorliegen, weiß man erst, wenn man über eine gut strukturierte, ganzheitliche und intensive Therapie versucht hat, wie weit man kommt. Hierzu braucht es die Eltern als Co-Therapeuten. Die hierdurch erreichten Fortschritte und die entspanntere therapeutische Situation bezüglich der Durchführung der Therapie bestärken viele Familien in bezug auf unser Konzept der Psychomotorischen Ganzheitstherapie, auch ohne vorhandene wissenschaftliche Studien.
Zeitliche Belastung:
Die tägliche Dauer der Therapie richtet sich nach den jeweiligen Funktionseinschränkungen und den Möglichkeiten der Familie. Jedoch halten wir von extrem langen Therapieprogrammen nicht viel. Auch therapiefreie Wochenenden und freie Urlaubstage sollten sein. Denn zum einen braucht sowohl das betroffene Kind als auch dessen Familie Erholung von der Therapie. Und zum anderen sollte dem Kind die Möglichkeit gegeben werden, außerhalb des Therapieprogramms Eindrücke und Erfahrungen sammeln zu können, damit seine Eigenaktivität und die Kreativität beim Spielen nicht zu kurz kommen. Ohne eine gewisse Intensität und auch Konsequenz in der Durchführung des Therapieprogramms geht es jedoch nicht.
Dies bedeutet, dass bei schwerstmehrfachbehinderten Kindern Therapiezeiten von 3 bis 6 Stunden am Tag erforderlich sein können. Bei diesen Kindern mit Therapiezeiten von lediglich einer halben Stunde am Tag deutliche Fortschritte erreichen zu wollen, ist Heuchelei. Allerdings fehlt vielen häufig der Mut, diese Tatsache den Eltern eindeutig zu erklären. Dass man Kinder auch zu einer intensiven Therapiezeit motivieren kann, sieht man z.B. an der Petö-Therapie (18), die ebenfalls ehrlicherweise von mehrstündigen Therapiezeiten pro Tag ausgeht. Insofern muss bei der Psychomotorischen Ganzheitstherapie zusammen mit den Eltern abgesprochen werden, welche Therapieintensität eingehalten werden kann und ab welcher Zeit die Belastung für die Familie zu hoch sein dürfte oder auch, welche Hilfe die Familie erhalten könnte. In anderen Fällen kann es eher von Bedeutung sein, die Familie zu beraten, wie das Kind zu motivieren ist. Denn immer wieder ist festzustellen, dass die Schwierigkeit bezüglich der Therapieintensität nicht unbedingt mit der Länge der Therapiedauer steigt, sondern eher mit der Frage, wie ein Kind zu motivieren ist. Auch gerade hier ist es wichtig, über die Abwandlung des Therapieprogramms in die spielerische Form den Familien eine entsprechende Hilfestellung zu geben.
Dagegen reicht bei Kindern mit minimalen Teilleistungsstörungen eine Therapiezeit von ca. 20 bis 30 Minuten am Tag aus, variiert je nach schulischen oder auch privaten Aktivitäten.
Insgesamt gilt es, bei jedem Vorstellungstermin aufs neue die optimale Therapieintensität herauszuarbeiten.
Zusammenfassung:
Bei der ambulanten Vorstellung in unserer Praxis im Rahmen der Psychomotorischen Ganzheitstherapie erfolgt die diagnostische Vorgehensweise und auch die Erstellung des Therapieplans nach interdisziplinären Gesichtspunkten. Ziel ist es, dass die Eltern die Therapie ihres Kindes nach ausführlicher und intensiver Anleitung selbständig daheim durchführen können. Diese Anleitung der Eltern erfolgt individuell persönlich, schriftlich und mittels eines Ganztagesseminars. Somit ist der Vorstellungstermin in unserer Praxis als eine intensive Schulung der Eltern entsprechend der Fertigkeiten ihres Kindes anzusehen und die Durchführung der erarbeiteten Übungen durch die Eltern als die eigentliche Therapie. Dies gilt sowohl für unsere Patienten mit lediglich minimalen Teilleistungsstörungen (z.B. LRS oder ADS) als auch für unsere schwerbehinderten Patienten.
Dies ist sicherlich kein Weg für alle Familien mit einem behinderten bzw. entwicklungsauffälligen Kind, da er ein überdurchschnittliches Engagement der Familie voraussetzt. Allerdings stellt er eine sinnvolle Alternative als ambulante neurologische Rehabilitationsform dar, gerade für die Eltern, die sich selbst in die Therapie ihres Kindes stärker einbringen wollen. Die Entscheidung hierfür oder hiergegen sollte bei der jeweiligen Familie selbst liegen.
Anschriften der Verfasser:
Dr. med. Christel Kannegießer-Leitner Dr. med. Gabriele Sörgel
Sibyllenstr. 3 Arneburgerstr. 23
76437 Rastatt 39576 Stendal
Nachtrag vom 31.10.09:
Frau Dr. Sörgel hat ihre Arbeit im Rahmen der Psychomotorischen Ganzheitstherpaie zum 1.1.09 beendet.
Weiterführende Literatur:
KANNEGIESSER-LEITNER, C.: Ihr könnt mir wirklich helfen - Psychomotorische Ganzheitstherapie für entwicklungsauffällige und mehrfach behinderte Kinder, Pflaum-Verlag, München
Literaturverzeichnis:
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